Spektrum Villa Musica:
Finale mit Lervik-Uraufführung

Mit der Uraufführung des Klavierquartetts „scratch“ von Olav Lervik und einem romantischen Rahmen aus Schubert und Schumann geht am kommenden Wochenende das rheinland-pfälzische Netzwerk-Projekt zu Ende.

Was ursprünglich als ein Abend mit Neuer Musik geplant war, hat sich unversehens zu einem romantischen Adventsprogramm mit zeitgenössischem Intermezzo gewandelt. Die Landesstiftung Villa Musica lud den irisch-schottischen Bratschisten Garth Knox und den Folkwang-Klavierprofessor Bernhard Wambach zu Proben und Konzerten mit jungen Streichern ein. Auf Wunsch der Dozenten findet die Uraufführung des neuen Klavierquartetts von Olav Lervik in einem hochromantischen Rahmen statt. Das Quartett des 29jährigen, der heute in Zürich zuhause ist, wird flankiert von einem Streichtrio des 19jährigen Franz Schubert und vom Klavierquartett des 32jährigen Robert Schumann.

Wie die beiden romantischen Komponisten unseres Programms ist auch Olav Lervik Pianist, der für sein Instrument schon die erstaunlichsten neuen Klänge ersonnen hat, etwa Glissandi, die über die schwarzen und weißen Tasten mit der gesamten Hand ausgeführt werden. In seinem Klavierquartett scratch treten diese schillernden Klavierklänge den drei Streichinstrumenten Violine, Viola und Violoncello gegenüber, deren zwölf Saiten er auf ebenso überraschende Weise zum Neu-Tönen bringt wie die Saiten seines eigenen Instruments. Damit verleiht Lervik der von Schumann und Brahms geadelten Gattung des romantischen Klavierquartetts eine völlig neue, klanglich aufgeraute, kontrastreiche Farbigkeit, die zur sehnsuchtsvollen Gesanglichkeit des Schumann-Quartetts in denkbar starkem Kontrast steht.

Zu Beginn bestimmt ein Simultan-Kontrast die Musik: Harsche Streicher-Tremoli sul ponticello stehen pointilistisch hingetupften Einzeltönen des Klaviers in extrem weiter Lage gegenüber. Die Streicher bleiben 12 Takte lang bei ihrem aufgeregten Tremolieren. Derweil verdichtet sich die gespreizte einstimmige Klavierlinie allmählich durch immer mehr Anschläge pro Takt zu einem klanglichen Irisieren, wobei die Töne auch in den Lagen immer näher aneinanderrücken. Dieser Effekt des Sich-Zusammen-Ziehens mündet in eine einzige Linie von Halbtönen, die das Klavier von den Streichern übernimmt. Dieses chromatische Huschen bestimmt den nächsten Abschnitt bis zu einem neuen, akkordischen Triolenthema des Klaviers, das ganz leise und geheimnisvoll einsetzt. Danach scheint auch der Klang der Streicher wie verwandelt. Plötzlich bricht eine Art wilde Kadenz aus dem Violoncello heraus: „Brutal, hektisch, wie improvisiert“ ergeht es sich in ungestümen Akzenten und Akkordgriffen. Die beiden hohen Streichinstrumente greifen dieses Solo variiert auf, woraus der extrem aggressive Mittelteil des Satzes entsteht. Das Klavier versucht mit dem leisen akkordischen Triolenthema die Wut zu besänftigen, geht dann aber seinerseits in eine zerklüftete Solokadenz über. Improvisando werden Akkorde, Arpeggi und die schon erwähnten „Lervik-Glissandi“ wie im Rausch hervorgeschleudert. Nun sind es die Streicher, die leise antworten: Ihr nervöses Flüstern greift auf die Klaviermotive des Beginns zurück, die denn auch den Satz beschließen.

Olav Lervik wurde mit diesem neuen Werk beauftragt, als er in der zweiten Jahreshälfte 2010 als Stipendiat im Herrenhaus Edenkoben lebte und arbeitete. Seit die Stiftung Villa Musica 2008 mit neun weiteren Partnern im ganzen Land das Projekt Spektrum Villa Musica begonnen hat – gefördert von der Bundeskulturstiftung im Rahmen ihres Projekts Netzwerk Neue Musik –, spielten die Edenkobener Kompositionsstipendiaten darin eine wichtige Rolle. Ende 2011 läuft die Bundesförderung im Netzwerk Neue Musik aus, nicht aber Spektrum Villa Musica. Die fruchtbare Zusammenarbeit zwischen der Landesstiftung für Kammermusik und dem Herrenhaus Edenkoben wird fortgesetzt. Auch in den kommenden Jahren sollen regelmäßig Werke von aktuellen oder ehemaligen Herrenhaus-Stipendiaten bei Villa Musica einstudiert und aufgeführt werden.

Olav Lervik wurde 1982 in Straßburg geboren. Beim Landeswettbewerb Baden-Württemberg und beim Bundeswettbewerb Jugend komponiert wurde er mehrfach ausgezeichnet. Seinen ersten Kompositionsunterricht erhielt er mit 15 Jahren bei Mathias Spahlinger in Freiburg. An der Musikhochschule Weimar studierte er Komposition bei Michael Obst und Opernkorrepetition. Nach dem Abschluss mit Auszeichnung wechselte er an die Musikhochschule Stuttgart, wo er sein Kompositionsstudium bei Marco Stroppa 2011 erfolgreich abschloss. Seitdem lebt er in Zürich und beschäftigt sich intensiv mit dem Komponieren für Multimedia und Film.

Freitag, 2. Dezember 2011 - 20 Uhr: Herrenhaus | Edenkoben
Samstag, 3. Dezember 2011 - 19 Uhr: Villa Musica | Mainz
Sonntag, 4. Dezember 2011 - 17 Uhr: Schloss Engers | Neuwied-Engers